Wenn uns jemand mit Worten angreift, neigen wir dazu, uns zu verteidigen und zurückzuschlagen. Das so entstehende Wortgefecht bringt meistens keine Seite ihrem Ziel näher, sondern belastet oder zerstört sogar die Beziehung der Gesprächspartner, die plötzlich zu Gesprächsgegnern geworden sind. Bei der gewaltfreien Kommunikation (GFK) verzichtet man auf Angriffe und konzentriert sich auf die Gefühle und Bedürfnisse, die den oft unbedachten Äußerungen zu Grunde liegen. Einfühlsames Zuhören hat als wirksame therapeutische Verhaltensweise ihren festen Platz in der von Carl Rogers begründeten klient-zentrierten Gesprächstherapie. Bei den Danksagungen erwähnt Marshall B. Rosenberg seinen Lehrer Carl Rogers auch an erster Stelle und verweist darauf, dass sich die GFK auf Forschungen stützt, die im Zusammenhang mit der Gesprächstherapie durchgeführt wurden. Allerdings geht die GFK weit über den therapeutischen Rahmen hinaus. Es ist eine wirklich als genial zu bezeichnende Gesprächsmethode, die für alle Menschen geeignet ist und konfliktgeladene Auseinandersetzungen in friedliche Gespräche verwandelt. "Die GFK fördert intensives Zuhören, Respekt und Empathie und erzeugt den beiderseitigen Wunsch, von Herzen zu geben." In jedem Gespräch sollen vier Komponenten, nämlich Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten klar ausgesprochen und verstanden werden. Dabei ist es wichtig, Beobachtungen nicht mit Bewertungen zu vermischen, in Kontakt zu den Gefühlen zu kommen, Bedürfnisse zu erkennen und Bitten mit treffenden Worten zu äußern. Die Beispiele des Autors zur Veranschaulichung seiner Methode wirken sehr überzeugend und stammen aus unterschiedlichen Gebieten, wie Politik, Wirtschaft, Schulen, Familien und Paarbeziehungen. Dieses Buch bietet eine gut verständliche Darstellung der GFK (Zeichnungen, Beispiele, Übungen) und beeindruckt durch hohe Effizienz und warmherzige Menschlichkeit. --Stephan Schmidt Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 Bester Preis: 16,20 EURinkl. 19% Mwst. / zzgl. Versand Kundenrezension: Die Theorie der gewaltfreien Kommunikation (GFK) von Rosenberg:
Rosenberg bezieht sich auf Verarmung, Verelendung, Rassenkonflikte, Kriege und KZs. Für diese Konflikte aber auch für die kleinen alltäglichen will er einen Weg aufzeigen, wie diese zu lösen sind, so dass jedes Bedürfnis zum Zuge kommt.
Seltsam ist es schon, wieso es für so unterschiedliche Konflikte einen Lösungsweg geben soll. Was hat eigentlich das Verhältnis eines KZ-Wächters zu einem KZ-Häftling mit einem Streit zwischen Kindern um ein Sandförmchen zu tun? Um das zu plausibilisieren, tut Rosenberg zunächst mal seinen "Glauben" über den Menschen kund. Danach entspricht "einfühlsames Geben und Nehmen seinem natürlichen Wesen." Da verwundert es, warum es überhaupt Konflikte gibt, wenn doch alle das Gleiche wollen: das Ausleben ihrer "einfühlsamen Natur". Und auch das "Geben und Nehmen" der "einfühlsamen Natur" ist ein merkwürdiges Ding. Was will der Mensch denn geben? Und was ist gewonnen, wenn alle was geben? Bei einem Konflikt ist der Nutzen des einen, der Schaden des anderen. Wenn der eine jetzt (nach)gibt, ist er der Geschädigte, der Konflikt besteht fort.
Zur Harmonie kommt Rosenberg, indem er das, über was sich Menschen streiten für eigentlich unerheblich erklärt bzw. es als Ausdruck des allgemein menschlichen Bedürfnisses nach "Einfühlung", "Wertschätzung" und "Anerkennung" behandelt. Es gibt ein großes Missverständnis unter den Konfliktparteien, das es nur auszuräumen gelte. Es herrscht also "Einfühlung", wenn man das Anliegen seines Gegenübers gründlich ignoriert, um ihm dann den dahinter steckenden Sinn der "eigentlichen Bedürfnisse" zu verpassen - und wenn es nur das "Einfühlen" selbst ist.
Dazu passt der erste Schritt seiner Methode, "nur zu beobachten und nicht zu interpretieren". An der Stelle, wo Rosenberg das moralische Urteilen bemängelt, und zunächst nahe an der Wahrheit scheint, dass es ein Mittel ist, das eigene Interesse mit Hilfe von höheren Maßstäben zu rechtfertigen, bestreitet er generell, dass ein Urteil über einen Konflikt und die dazugehörigen Interessen möglich und sinnvoll sei. Das große Potential in der Kommunikation soll darin liegen, "dass wir uns auf die Klärung von Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis konzentrieren, statt zu diagnostizieren und zu beurteilen." Angesichts eines Schadens - was bei einem Konflikt unterstellt ist - soll dieser nicht beurteilt werden, weil dies "lebensentfremdend" sei.
So kommt "die Verbindung zu allen anderen Menschen" zu Stande: alles durchstreichen, was einen Konflikt und die Interessen der Beteiligten ausmachen, um nur noch im Wahn einer eingebildeten Gemeinsamkeit zu schweben, unabhängig davon, ob die Intereressen der Konfliktparteien vereinbar sind oder nicht.
Wertschätzung und Anerkennung zu geben ist der große Hit der GFK. Das soll es sein, was der Mensch eigentlich braucht, denn "eine nicht-wertschätzende Kommunikation ist gewaltsam". Dass es die überhaupt gibt - man erinnere sich, dass alle Menschen eigentlich nur dasselbe wollen - soll sich daraus erklären, dass der Mensch eine falsche (Wolfs-)Sprache gelernt habe, weil es ein schlechtes Menschenbild "angeborener Schlechtigkeit und Mangelhaftigkeit" gibt. Darüber habe der Mensch den Kontakt zu seinen Bedürfnissen verloren, was sich in der Moral ausdrückt. Es sei die Frage gestattet, wie ein moralischer Mensch, der gegen das eigene Bedürfnis argumentiert, "den Kontakt zu den Bedürfnissen" verloren haben soll. Er nimmt sie doch wahr, muss sie sehr wohl im Kopf haben, um sie dann abschlägig zu beurteilen.
Die GFK erlaubt sich also zu behaupten, dass bestimmte Inhalte gedacht und gesprochen werden, aber eigentlich eine "falsche Sprache" benutzt wird. Rosenberg will diese Inhalte nicht zur Kenntnis nehmen, sondern als Gutmensch hat er einfach sein besseres Harmoniebild. So einfach geht das. Wie Rosenberg schon sagt:"Unabhängig vom Thema eines Gesprächs gelingt es uns immer besser, unseren eigenen, zugrundeliegenden Bedürfnissen wie auch denen unserer Gesprächspartner auf die Spur zu kommen."
Eine einfühlsame wertschätzende (Giraffen)-Sprache, mit der man also etwas anderes sagt, als man denkt, soll der Mensch benutzen, was dafür sorgen soll, dass Konflikte gelöst werden. Was ist nun diese "Wertschätzung" bzw. das damit zu befriedigende Anerkennungsbedrüfnis oder Selbstwertgefühl, das - nicht nur nach Ansicht der GFK - die Menschheit so dringend nötig hat und mit der wir uns unser Leben wechselseitig so sehr verschönern sollten.
Darüber findet sich bei Rosenberg, obwohl es doch so grundlegend wichtig sei, keine Erklärung. Lediglich darüber, wie es gelingen soll, lässt sich Rosenberg aus. Offensichtlich sieht er es als ein natürliches Bedürfnis wie Hunger an, das einer Erläuterung nicht bedarf. Andererseits gibt er zu erkennen, dass es sich dabei garnicht um ein natürliches Bedürfnis handeln kann. Das "wertgeschätzte" Subjekt wird ja gerade hinsichtlich eines Urteils, das es über sich hat, angesprochen. Es werden Argumente und Gründe geliefert - und seien sie noch so absurd -, um ein positives Urteil über diese Person abzugeben, und diese in ihrer Selbstwertschätzung zu bestärken. Diese Gedanken und Urteile sind das glatte Gegenteil einer von der Natur mitgelieferten Ausstattung der Menschheit. Anerkennung zeigt sich als ein Akt des Willens und Urteilens eines Menschen. Es lohnt sich allerdings, diese Urteile genauer anzuschauen.
Nicht bestritten ist also, dass es das Bedürfnis nach Wertschätzung gibt. Es gründet im Gefühl der Unfähigkeit und Minderwertigkeit, wenn die eigenen Interessen und Bedürfnisse scheitern. Der beschädigte Selbstwert praktiziert das Vorurteil, dass es grundsätzlich in der eigenen Macht liegt, seine Anliegen umzusetzen, egal unter welchen Bedingungen. Es ist das alberne Ideal, dass in einer Gesellschaft, in der die grundlegenden Existenzbedingungen mächtigen ökonomischen Kalkulationen unterliegen, jeder dennoch der Schmied seines Glückes sei. Das Scheitern führt so auch nicht dazu, dessen Gründe zu klären, sondern landet dogmatisch bei einem schlechten Gewissens wegen des "eigenen" Scheiterns. Der Geschädigte braucht dann den Trost der Wertschätzung: dass er irgendwo doch eine tolle, wertvolle Persönlichkeit sei.
Die Praxis der GFK:
Die GFK nutzt in ihrer Praxis das Bedürfnis nach Wertschätzung, um jedes Interesse, das im Ausgangspunkt des Konfliktes noch auftaucht, für relativierbar zu erklären. Wie ihre Klienten sieht die GFK die Lebensverhältnisse außerhalb jeder Kritik und auch ihr geht es darum, in diesen als "wertgeschätzter" Mensch "gefühlsmäßig" zurechtzukommen. So wird in GFK-Sitzungen das Ideal der großen Gemeinsamkeit wahrgemacht. In der inszenierten Rührung fallen sich die Teilnehmer um den Hals. Danach geht die praktische Konkurrenz weiter ihren normalen Gang und man hält sich ergänzend den Glauben, dass bei allen Widerlichkeiten und Schädigungen, die Gesellschaft im Kern doch ein großes Gemeinschaftswerk ist. (Dass nach einer GFK-Sitzung auch mal ein Konflikt gelöst ist, der tatsächlich auf einem Missverständnis beruht, ist eine Begleiterscheinung, die sich - trotz der GFK - der nicht immer auszuschließenden sachgerechten Behandlung eines Konflikts verdankt.)
Die GFK und die Politik:
Die GFK sieht ihr Betätigungsfeld auch in der großen Politik, um deren "Konflikte zu lösen". In einem Erlebnisbericht von Rosenberg aus einem Palästinenserlager anlässlich einer GFK-Präsentation wird er von einem Palästinenser als amerikanischer Bürger mit den Tränengaslieferungen der USA an Israel zur Kontrolle dieser Lager identifiziert. Der Palästinenser beklagt, dass er Wohnung und Kanalisation und keine Tränengasbomben benötige. Rosenberg begegnet ihm mit seiner "einfühlsamen Methode", indem er erklärt, dass er das Anliegen als Mensch anerkennt und nachfühlen kann, und dass eigentlich auch die USA nur das Wohl der Palästinenser im Auge hätten: Deren Not sei nur dadurch zustande gekommen, dass die "Amerikaner sich diese Konsequenzen ihrer politischen Entscheidung nicht genau überlegt" hätten. Zufrieden berichtet Rosenberg, dass er von dem Palästinenser zum Essen eingeladen wurde. Diese rührige Geschichte weiß allerdings nicht davon zu berichten, ob der Palästinenser mittlerweile Haus und Kanalisation hat. Das scheint für Rosenberg auch nicht ds Erfolgskriterium zu sein - immerhin ist er in eine "gewaltfreie Kommunikation" getreten.
Dass die GFK nicht daran irre wird, dass Schlächtereien und Verelendung weltweit munter weiter gehen, ist konsequent, wenn diese nur Missverständnisse und im Kern eigentlich ein Schrei nach Liebe sind. Darum ist die GFK bei der Politik nicht unwillkommen, auch wenn sie sich von der GFK in ihren Entscheidungen nicht reinreden lässt. Immerhin leistet die GFK die Pflege der Illusion, dass die Härten im zwischenstaatlichen Verkehr und der Ökonomie sich nicht wirtschaftlichen und politischen Zwecken verdanken, sondern nur eine unnötige Abweichung von sprachlich falsch gewickelten Subjekten sind.
Im Großen wie im Kleinen leistet die GFK so ihren Beitrag zur Ideologie eingebildeter Gemeinsamkeit, und liefert geschädigten Interessen die Sinngebung, eigentlich nur der "einfühlsamen Natur" beim "Geben" zu gehorchen.
Auf Zustimmung und eine konträre Diskussion freue ich mich ebenso, wie die Aburteilung zu erwarten ist, Rosenberg nicht gelesen zu haben, keine praktische Erfahrung mit der GFK zu haben, die Wirksamkeit der GFK nicht sehen zu wollen, keine Alternative für Konfliktlösungen anzubieten oder eine nicht wertschätzende und gewaltsame Wolfssprache zu benutzen. |